Gewerkschaftstage
Grußworte und Referenten zum Thematag der CGM am 16. Oktober 2009 in Köln
Detlef Lutz verwies in seiner Begrüßung darauf hin, dass traditionell der Thematag zwischen den Gewerkschaftstagen stattfindet. Wir hatten in der Vergangenheit auf den Thematagen uns mit Themen zur Tarifpolitik, zur Gesundheitspolitik und zur Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes befasst und hatten dabei sehr fruchtbare Tagungen.
Wir haben diesen Thematag in zwei Teile geteilt. Und der erste Teil beschäftigt sich damit, dass diese Gewerkschaft, der wir uns verpflichtet fühlen, für die wir arbeiten, in der wir solidarisch zusammenstehen, in diesem Jahr 110 Jahr alt wird.
Der zweite Teil beschreibt unsere aktuelle Verantwortung als Betriebsräte, als tarifschließende Gewerkschaft, als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Unternehmen, die in den letzten Jahren in wirtschaftliche Situationen hineingeraten sind, in der es besonders ganz drauf ankommt, die Verantwortung, die uns als Betriebsräte und als Funktionsträger zugefallen ist, auch wirklich wahrzunehmen und auszufüllen.
Am 15. Oktober 1899 wurde in Duisburg von dem Former und dem Stahlarbeiter Franz Wieber eine Organisation mit Namen Christlich-Sozialer Metallarbeiterverband Deutschlands gegründet. Die Kollegen mit und um Franz Wieber waren zu dem Weg entschlossen, weil sie in der gemeinsamen Organisation mit andersdenkenden und –gläubigen Mitgliedern und Mitarbeitern sich nicht mehr heimisch fühlen konnten. Franz Wieber musste seine Heimat früh verlassen, weil dies eine bitterarme Gegend war und man dort keine Arbeit finden konnte. Er kam dann nach Duisburg und arbeitete dort in der Stahlindustrie. Was er mitbrachte, waren seine tiefen religiösen Überzeugungen, die sein Menschenbild prägten und die einen Teil seiner Arbeit auch für den Menschen und mit dem Menschen bestimmten.
Bereits im Jahr 1897 hat man versucht, mit einer Vorläuferorganisation des CMV, nämlich des Fachvereins der Former und verwandter Berufsgenossen eigenständige Gewerkschaftsarbeit zu leisten. Dies mündete dann zwei Jahre später in die Gründung des Christlich-sozialen Metallarbeiterverbandes.
Die Arbeitsbedingungen zu dieser Zeit waren unmenschlich. In seinen Lebenserinnerungen klagte Franz Wieber an, überlange Arbeitszeiten, unbezahlte Überstunden, Sonntagsarbeit, niedrige Löhne, jegliches Fehlen an Arbeitsschutz, Schwarze Listen über Menschen, die dagegen aufbegehrten, keine soziale Absicherung, politische Entmündigung und der Zwang durch das kolonnenweise Hinführen zu den Wahlurnen bei den politischen Wahlen, in einer bestimmten Richtung abzustimmen, war es, was den Arbeitern rund um Franz Wieber missfiel. Man hat versucht, in einer einheitlichen Selbsthilfeorganisation gemeinsam mit anderen hier Abhilfe zu schaffen. Es ließ sich nicht lange auf sich warten, bis das Fachorgan des damaligen Zentralvereins, der damaligen Einheitsorganisation, gegenüber den religiösen und christlich motivierten Kolleginnen und Kollegen mit Schmäh. Da wurde der Schöpfungsbericht als großer Schwindel bezeichnet, das Christentum als Ableger des Bhuddismus beschimpft und unsere Vorväter dort als Pfaffenknechte tituliert. Franz Wieber und seine Freunde waren der Meinung, dass man sich so etwas auf Grund dessen, weil man seinem Glauben treu bleibt, nicht gefallen lassen muss und wenn es denn nicht funktioniert mit anderen zusammen, dann muss man seine eigene Organisation gründen.
Dem gedenken wir heute im Jahre 2009, liebe Kolleginnen und Kollegen. Wir gedenken dem aber auch, indem wir einen Blick werfen auf die heutigen Verhältnisse. In den letzten Wochen und Monaten ist etwas passiert, das man ruhig unter dem Titel gigantische Rufschädigungskampagne uns gegenüber verbuchen kann. Und wir sind immer im Zweifel auch in der Diskussion mit sich selbst, in welcher Form man auch auf so etwas reagiert. Präsentiert man sich als Opfer dieser Rufschädigungskampagne drückt man auf die Mitleidstube, nein haben wir gesagt. Das hat wenig Sinn.
Wenn der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei in Schleswig-Holstein, der Herr Stegner, uns in einem Interview mit N 24 als halbkriminelle Lohndrückervereine bezeichnet. Liebe Kolleginnen und Kollegen, dann ist an dieser Stelle, was mit politischer Diskussion und was mit sachlicher Auseinandersetzung, aber auch mit Streitkultur in diesem Lande nichts mehr zu tun hat.
Wenn ein Mitglied aus der Hauptverwaltung der IG-Metall in Frankfurt vor kurzem auf einer Gesamt-Betriebsräte-Tagung eines deutschen Konzerns in seinem Redebeitrag sagt, die IG-Metall wird dafür sorgen, dass bei der nächsten Betriebsratswahl die Betriebsratsbüros wieder sauber werden, dann ist die Grenze des guten Geschmacks in jeder Beziehung erreicht. Wenn wir diese Sprachregelung einmal vornehmen und dies analysieren, dann bedeutet das Säubern eines Betriebsratsbüros, dass dort Dreck entfernt werden muss. Und welche Gedanken hinter solchen Äußerungen stecken, lassen einem manchmal einen kalten Schauer den Rücken runterlaufen.
Die Rhetorik und die Form der Auseinandersetzung haben sich seit 110 Jahren nicht verändert, liebe Kolleginnen und Kollegen, möglicherweise ist nur die Sprache eine andere geworden. Das zeigt, dass noch viel zu tun ist, um diese unsere Gewerkschaft, unsere Organisation in der Gesellschaft zu etablieren. Das zeigt aber auch, dass wir hier nicht auf wen auch immer hoffen dürfen, er uns auf seine Schulter nimmt und möglicherweise hier und da hinträgt, sondern wir werden miteinander nur soweit gehen können, wie uns unsere eigenen Füße tragen. Und dies ganz in Gedanken des Gründers des Christlichen Metallarbeiterverbandes Deutschlands Franz Wieber...

